Mogelpackung

Würden Sie den entzündeten Blinddarm Ihres Kindes einem „Chirurgen“ anvertrauen, der noch nicht einmal sein Medizinstudium abgeschlossen hat? Könnten Sie sich vorstellen, mit Ihrem depressiven Partner zu einem nicht fertig ausgebildeten „Psychologen“ zu gehen? Wie würden Sie reagieren, wenn Sie erfahren, dass Ihre Wirbelsäule eben von einem „Physiotherapeuten“ geknetet wurde, der noch keinen Berufsabschluss hat?

Leider erfährt der DLV immer wieder, dass Schulleitungen oder Gemeinden Studentinnen oder Studenten einstellen. Diese behandeln unter dem Deckmantel «Logopädie» die Kinder und Jugendlichen an der Schule, beraten Eltern und diagnostizieren Sprachstörungen. Oft wissen die Erziehungsberechtigten und Lehrpersonen gar nicht, dass diese Therapeutinnen gar keine ausgebildeten Logopädinnen sind. Von Seiten der Anstellungsbehörden hören wir v.a. das Argument: «Wir finden keine ausgebildete Logopädin». Und um das Image der Schule nicht zu gefährden, weicht man auf Studierende aus und gaukelt selbst auf der Website vor, dass die Logopädie-Stelle besetzt sei.

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Kann keine ausgebildete Fachperson gefunden werden, plädieren wir klar für eine vorübergehende Vakanz, denn

  • Logopädie kostet viel Geld und ist dieses nur Wert, wenn die Interventionen fachlich begründet, theoretisch begleitet und regelmässig evaluiert werden.
  • Logopädie erfordert viel Wissen und Erfahrung. Nicht umsonst bilden sich auch diplomierte Logopädinnen regelmässig weiter, absolvieren einen CAS oder starten den Master. Erfahrung müssen sich Studienabgängerinnen zwar auch zuerst noch holen, mit einem abgeschlossenen Studium verfügen sie aber über das aktuellste Wissen.
  • Logopädie greift in die kindliche Entwicklung, in ein System, salopp gesagt ins Gehirn ein. Da sind erprobte Methoden, gelernte Beobachtungsgabe und Analysierfähigkeit sowie geübte Beratungsfähigkeiten nötig. Logopädie ist nicht einfach ausprobieren, spielen und «chunnt scho guet».
  • Das Logopädiestudium ist anspruchsvoll und benötigt die volle Aufmerksamkeit und Leistungsbereitschaft für Unterricht, Praktika, schriftliche und mündliche Arbeiten, Recherchen, etc.

Aus diesen Gründen sprechen sich nebst dem Berufsverband DLV auch alle Hoch- und Fachschulen klar dagegen aus, dass Studentinnen und Studenten ohne Diplom, in welchem Studienjahr auch immer, als Logopädinnen bzw. Logopäden angestellt werden. So kontaktieren wir regelmässig Anstellungsbehörden, appellieren an die Studierenden selbst und sensibilisieren Angehörige.

Eine Frage stellt sich noch: Wie selbstbewusst oder selbst überschätzend muss eine Person jeglichen Alters sein um eine Stelle als Logopädin anzunehmen, obwohl das Studium noch nicht abgeschlossen ist?

Urteilen Sie selbst.

Edith Lüscher und Bérénice Wisard

Kommentare

Ich habe den Text gelesen und bin grundsätzlich sehr dafür nur ausgebildete Logopäden/innen anzustellen. Hingegen wird hier die Seite der Schule nicht aufgezeigt. Schulleitende können sehr kreativ werden, wenn es um das Besetzen von Stellen geht. Ein/e Teilzeitstudierende/r an der HfH, der/die alle Module und Praktika im Bereich Kinder absolviert hat, wird kein weiteres Vorwissen dazugewinnen. Ab diesem Zeitpunkt ist eine Teilanstellung mit Unterstützung der Stellenpartner sinnvoll und für die Kinder unschädlich und auf alle Fälle sinnvoller als eine Klassenassistenz oder eine Lehrperson mit Unterstützung. Ja auf genau solche Ideen kommen unsere Schulleiter, wenns hart auf hart kommt. Was ist dir dann lieber? Dein Kind zu einem Psychologen schicken, der im Kinderbereich alles abgeschlossen hat oder zu einer Person schicken, die so ungefähr aus dem ähnlichen Arbeitsgebiet kommt?

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